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Schöne Haare oder schöner Speck? Ungarische Wörter, bei denen ein Strich alles verändert

ungarische Wörter mit DoppelbedeutungDu sitzt beim Friseur in Budapest, möchtest der Friseurin ein Kompliment machen und sagst voller Überzeugung: „Szép a hájad!“. Sie sieht dich an, blickt kurz auf ihren Bauch und legt die Schere beiseite. Was ist passiert? Du wolltest sagen, dass sie schöne Haare hat (haj), hast ihr aber gesagt, dass sie schönen Speck hat (háj). Ein winziger Strich, und aus dem Kompliment ist eine Beleidigung geworden.

Das Ungarische steckt voller solcher Stolperfallen. In diesem Artikel zeigen wir dir die lustigsten (und peinlichsten) Beispiele und erklären, warum es sie gibt. Denn hinter jedem Ausrutscher steckt eine ganz logische Regel.

Vorweg: Es geht nicht um Betonung, sondern um Länge

Im Deutschen kann die Betonung die Bedeutung verändern. Wer einen Fußgänger UMfährt, hat ein Problem; wer ihn umFÄHRT, hat alles richtig gemacht. Und ob man mit der Fähre ÜBERsetzt oder einen Text überSETZT, ist auch nicht dasselbe. Da liegt es nahe, die Striche auf ungarischen Buchstaben als Betonungszeichen zu lesen. Im Ungarischen funktioniert das aber anders. Die Betonung liegt immer auf der ersten Silbe eines Wortes, ganz ohne Ausnahme. Was der Strich dagegen anzeigt, ist die Länge des Vokals.

Das Prinzip kennst du übrigens schon: Im Deutschen unterscheiden sich Staat und Stadt, Miete und Mitte oder Ofen und offen ebenfalls durch die Vokallänge. Der Unterschied ist nur, dass das Deutsche die Länge nicht konsequent markiert. Das Ungarische schon, und zwar mit einem Strich.

Ein a ohne Strich ist kurz und klingt fast wie das o in „Topf“. Ein á ist lang und offen wie das a in „Vater“. Bei e und é ist es ähnlich: kurz wie das ä in „Bett“, lang wie das ee in „See“. Und dann gibt es noch die Doppelstriche: ő und ű sind die langen Geschwister von ö und ü, also etwa wie in „schön“ und „müde“.

Die ungarischen Vokalpaare

KurzLangBeispiel
aákar (Arm) / kár (Schaden)
eékerek (rund) / kerék (Rad)
iíirt (rottete aus) / írt (schrieb)
oóbor (Wein) / bór (Bor, das Element)
öőöt (fünf) / őt (ihn, sie)
uúszurok (Pech, Teer) / szúrok (ich steche)
üűtűz (Feuer) / tüzet (Feuer, als Akkusativ)

Wer einen Vokal zu kurz oder zu lang ausspricht, sagt also nicht dasselbe Wort mit komischem Akzent. Er sagt schlicht ein anderes Wort. Und manchmal ist dieses andere Wort besonders unglücklich gewählt.

18 Wortpaare, bei denen ein Strich alles verändert

Lange und kurze Vokale

haj / háj

Kurz haj: Haar (auf dem Kopf)
Lang háj: Fett, Speck, Schmalz
Stolperfalle „Szép a hajad“ ist ein Kompliment. „Szép a hájad“ ist die sicherste Methode, sich einen neuen Friseur suchen zu müssen.

örült / őrült

Kurz örült: er/sie freute sich
Lang őrült: verrückt, wahnsinnig
Stolperfalle Du erzählst deiner künftigen Schwiegermutter, dass ihr Sohn sich „nagyon örült“, als er dich kennenlernte: Er hat sich sehr gefreut. Mit einem langen ő ist er bei eurer ersten Begegnung komplett durchgedreht.

szar / szár

Kurz szar: Scheiße, Mist (vulgär)
Lang szár: Stiel, Stängel, Hosenbein
Stolperfalle Im Blumenladen bittest du um Rosen „mit langem szár“. Mit kurzem a bestellst du etwas völlig anderes, und die Floristin schaut dich vermutlich sehr lange an.

agy / ágy

Kurz agy: Gehirn
Lang ágy: Bett
Stolperfalle Du meldest dich krank mit „az ágyban fekszem“: Ich liege im Bett. Sagst du „az agyban fekszem“, liegst du im Gehirn. Dein Chef darf dann zu Recht bezweifeln, dass es nur eine Grippe ist.

hat / hát

Kurz hat: sechs, und auch „es wirkt“ (von hatni)
Lang hát: Rücken, und das Füllwort „na ja“, „tja“
Stolperfalle „Fáj a hátam“ heißt „mein Rücken tut weh“. Wer beim Arzt „fáj a hatam“ sagt, klagt über Schmerzen in seiner Sechs.

kar / kár

Kurz kar: Arm, aber auch Chor und Fakultät
Lang kár: Schaden, und „schade“
Stolperfalle „Kár, hogy nem énekelsz a karban“: Schade, dass du nicht im Chor singst. Vertauschst du die Vokale, singst du im Schaden, und schade ist es um den Chor.

ver / vér

Kurz ver: er/sie schlägt, es pocht (vom Herzen)
Lang vér: Blut
Stolperfalle Ein romantisches „hevesen ver a szívem“ bedeutet, dass dein Herz heftig klopft. Mit langem é klingt es eher nach einem Arztbericht.

szel / szél

Kurz szel: er/sie schneidet (in Scheiben)
Lang szél: Wind, und auch Rand
Stolperfalle Oma „kenyeret szel“: Sie schneidet Brot. Mit langem é lässt Oma etwas anderes entweichen als Brotkrümel.

kor / kör / kőr

kor Alter, Zeitalter
kör / kőr kör: Kreis, Runde. kőr: Herz (beim Kartenspiel)
Stolperfalle Ein schöner Drilling. Fragst du nach jemandes kor, willst du sein Alter wissen. Fragst du nach seinem kőr, willst du wissen, ob er noch Herz auf der Hand hat.

kerek / kerék

Kurz kerek: rund
Lang kerék: Rad
Stolperfalle Ein Rad ist zum Glück immer rund, hier hält sich der Schaden also in Grenzen. „Kerek a kerék“ ist sogar ein völlig korrekter Satz: Das Rad ist rund.

öt / őt

Kurz öt: fünf
Lang őt: ihn oder sie (Akkusativ von ő)
Stolperfalle „Őt szeretem“ ist eine Liebeserklärung: Ich liebe ihn. „Öt szeretem“ klingt, als hättest du gleich fünf davon.

irt / írt

Kurz irt: er/sie rottete aus, vertilgte
Lang írt: er/sie schrieb
Stolperfalle „A nagymamám sokat írt“ heißt, dass Oma viel geschrieben hat. Mit kurzem i war Oma offenbar eine Kammerjägerin von Format.

Doppelte Konsonanten

Nicht nur Vokale können kurz oder lang sein. Auch ein doppelter Konsonant wird im Ungarischen tatsächlich länger ausgesprochen, anders als im Deutschen, wo ein Doppelkonsonant vor allem anzeigt, dass der Vokal davor kurz ist. Wer das vergisst, erlebt folgende Überraschungen:

megy / meggy

Einfach megy: er/sie geht
Doppelt meggy: Sauerkirsche
Stolperfalle „Megy a meggy“ bedeutet: Die Sauerkirsche geht. Sag es fünfmal schnell hintereinander, und du hörst sofort, ob deine Doppelkonsonanten schon sitzen.

kasza / kassza

Einfach kasza: Sense
Doppelt kassza: Kasse
Stolperfalle Im Supermarkt fragst du, wo die kassza ist. Fragst du nach der kasza, suchst du aus Sicht des Personals eine Sense. Und dann ist für dich womöglich Schluss mit Einkaufen.

hal / hall

Einfach hal: Fisch
Doppelt hall: er/sie hört
Stolperfalle „Hall a hal?“ Hört der Fisch? Eine grammatisch einwandfreie Frage, und ein guter Test, ob das doppelte l beim Üben wirklich zu hören ist.

tol / toll

Einfach tol: er/sie schiebt
Doppelt toll: Feder, und auch Stift
Stolperfalle In einer Besprechung bittest du höflich um einen toll, um mitzuschreiben. Mit einfachem l bittest du eigentlich um einen Schubs.

kel / kell

Einfach kel: er/sie steht auf
Doppelt kell: es muss, es ist nötig
Stolperfalle „Hatkor kel“ heißt, dass jemand um sechs aufsteht. „Hatkor kell“ heißt, dass etwas um sechs erledigt sein muss. Der Unterschied zwischen Frühaufsteher und Deadline ist ein einziges l.

szál / száll

Einfach szál: Faden, Strähne, einzelner Stiel
Doppelt száll: er/sie fliegt, oder steigt ein (in ein Fahrzeug)
Stolperfalle „Egy szál rózsa“ ist eine einzelne Rose, die klassische romantische Geste. Mit doppeltem l fliegt dir die Rose davon.

Auch die Pünktchen zählen

Hier haben Deutschsprachige einen echten Vorsprung: ö und ü klingen im Ungarischen fast genauso wie im Deutschen. Trotzdem rutschen sie beim Schreiben und Sprechen schnell zu o und u ab, etwa wenn man auf einer fremden Tastatur tippt. Und dann bekommt man in der Kneipe womöglich etwas Unerwartetes:

Ohne PünktchenMit Pünktchen oder StrichenWas schiefgeht
sor (Reihe)sör (Bier)„Egy sört kérek“ bringt dir ein Bier, „egy sort kérek“ nur eine Warteschlange.
bor (Wein)bőr (Haut, Leder)Ein Glas bőr zu bestellen heißt, ein Glas Leder zu bestellen.
tok (Hülle, Etui)tök (Kürbis)Ein Handy im tök ist herbstlich, aber wenig praktisch.

Wörter, die von sich aus zwei Bedeutungen haben

Auch dieses Phänomen kennst du aus dem Deutschen: Auf einer Bank kann man sitzen oder Geld abheben, und ein Schloss kann man bewohnen oder abschließen. Das Ungarische hat ebenfalls viele solcher Homonyme, also Wörter, die genau gleich geschrieben und ausgesprochen werden, aber zwei ganz verschiedene Dinge bedeuten. Oft ist das eine ein Substantiv und das andere ein Verb. Daraus lassen sich Sätze bauen, die wie kleine Rätsel klingen:

WortBedeutung 1Bedeutung 2Lustiger Satz
várBurgwartetA vár vár. (Die Burg wartet.)
égHimmelbrenntÉg az ég. (Der Himmel brennt.)
sírGrabweintSír a sírnál. (Er weint am Grab.)
nyúlHasegreift nachA nyúl után nyúl. (Er greift nach dem Hasen.)
félhalbhat AngstFél órát fél. (Er hat eine halbe Stunde lang Angst.)
fogZahnwird; fängtFáj a fogam, de nem fogok sírni. (Mein Zahn tut weh, aber ich werde nicht weinen.)
nyárSommerPappelNyáron a nyár alatt ülök. (Im Sommer sitze ich unter der Pappel.)
érAder, Bächleinist wert, erreichtEz az ér nem ér semmit. (Diese Ader ist nichts wert.)
teremSaalwächst, gedeihtGomba terem a teremben. (Im Saal wachsen Pilze.)
dobTrommelwirftDobot dob. (Er wirft eine Trommel.)
levélBlatt (eines Baumes)BriefLevél esett a levélre. (Ein Blatt fiel auf den Brief.)
államder Staatmein KinnLeesett az állam. (Mir fiel die Kinnlade herunter, oder: Der Staat ist gefallen.)
szemétMüllsein/ihr Auge (Akkusativ)Kidobta a szemét. (Er warf den Müll weg, oder sein Auge.)

Die letzten beiden Beispiele sind die schönsten, weil sie zeigen, wie die Grammatik das Rätsel erzeugt. Szem heißt Auge. Mit dem Possessivsuffix -e wird daraus szeme (sein Auge), mit der Akkusativendung -t dann szemét, und das ist zufällig genau das Wort für Müll. Bei állam passiert dasselbe: áll (Kinn) plus das Possessivsuffix -am (mein) ergibt dasselbe Wort wie állam, der Staat. Zum Glück macht der Zusammenhang fast immer klar, was gemeint ist.

Und doch: Betonung kann etwas verändern

Auch wenn die Wortbetonung im Ungarischen festliegt, spielt Betonung auf der Ebene des Satzes sehr wohl eine Rolle. Das Wort direkt vor dem Verb wird betont und trägt den wichtigsten Teil der Aussage. Die Ungarn nennen das den fókusz, die Fokusposition.

  • Péter ment el. Péter ist weggegangen (und nicht jemand anderes).
  • Tegnap ment el Péter. Péter ist gestern weggegangen (und nicht heute).
  • Elment Péter. Péter ist weggegangen (eine neutrale Feststellung).

Hier hast du als Deutschsprachige oder Deutschsprachiger wieder einen Vorteil: Trennbare Verben kennst du bereits. So wie aus weggehen im Satz „er geht weg“ wird, löst sich im Ungarischen die Vorsilbe el- und springt hinter das Verb, sobald ein anderes Wort in der Fokusposition steht. Der Unterschied: Im Deutschen entscheidet die Satzart über die Trennung, im Ungarischen die Betonung. Wer „Péter elment“ mit starker Betonung auf Péter sagt, wird zwar verstanden, klingt aber sofort nach jemandem, der die Sprache noch lernt.

Was lernen wir daraus?

  • Die Striche sind keine Verzierung. Sie zeigen die Vokallänge an, und die Vokallänge bestimmt die Bedeutung. Lerne Wörter deshalb immer mit ihren Strichen.
  • Die Pünktchen auch nicht. o und ö sind verschiedene Laute und damit verschiedene Wörter. Das weißt du aus dem Deutschen schon.
  • Die Betonung liegt immer vorne. Anders als im Deutschen musst du nie raten, welche Silbe betont wird: Es ist immer die erste.
  • Doppelte Konsonanten hört man wirklich. Halte sie einen Moment länger, sonst wird deine Kasse zur Sense.
  • Suffixe erzeugen neue Doppeldeutigkeiten. Wie bei szemét und állam: Wer die Endungen kennt, durchschaut das Rätsel sofort.
  • Die Satzbetonung folgt der Wortstellung. Was direkt vor dem Verb steht, ist das, was du betonst.

Die gute Nachricht: Ungarn sind Ausländern gegenüber, die sich an ihrer Sprache versuchen, in der Regel sehr nachsichtig. Wenn du deiner Friseurin aus Versehen schönen Speck bescheinigst, wird meistens herzlich gelacht. Trotzdem ist es angenehmer zu wissen, worüber sie lacht.