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Ungarische Schimpfwörter und Flüche: Von harmlos bis lieber nie verwenden

ScheldwoordenUngarisch gilt als eine der reichsten Fluchsprachen der Welt. Ungarn fluchen mit Hingabe, Kreativitaet und einem gewissen Stolz. Wo Deutsche schnell zu Krankheiten greifen und Englaender mit ein paar Woertern auskommen, bauen Ungarn ganze Saetze aus Schimpfwoertern, fast wie ein sprachliches Kunstwerk.

In diesem Artikel nehmen wir dich mit von milden Ausdruecken, die du bedenkenlos in Gesellschaft verwenden kannst, bis hin zu Ausdruecken, bei denen selbst Ungarn aufhorchen.

Hinweis

  • Dieser Artikel ist rein lehrreich und kulturell gemeint.
  • Wir erklaeren, was Woerter bedeuten, wie sie verwendet werden und warum, nicht um dazu zu ermutigen.
  • Benutze sie mit Bedacht, denn Kontext ist alles.

Warum fluchen Ungarn so... kreativ?

Ungarisch hat eine besondere Eigenschaft: Durch das Suffixsystem kann man Schimpfwoerter beinahe endlos erweitern, kombinieren und konjugieren. Ein einziges Grundwort wird mit ein paar Suffixen zu einer kompletten Beleidigung mit eigenem Verb, Subjekt und Objekt.

Ungarn hat ausserdem eine Geschichte voller Besatzungen, Armut und Ueberlebenswillen. Diese Frustration hat sich teilweise in eine reiche, ausdrucksstarke Fluchsprache verwandelt, die bis heute sehr lebendig ist. Linguisten betrachten Ungarisch als eine der am weitesten entwickelten Fluchsprachen Europas, eine zweifelhafte Ehre, aber eine interessante.

Von mild bis heftig: 21 ungarische Schimpfwoerter

Mild — bedenkenlos in Gesellschaft

Jaj!

Woertlich Au! / Oh nein!
Gebrauch Universeller Ausruf von Schmerz, Schreck oder Enttaeuschung.
Vergleich Das ungarische "Au" oder "Ups". Hoert man staendig, von Kindern bis Grossmuettern.

A, ne mar!

Woertlich Ach, nicht schon wieder!
Gebrauch Milder Aerger oder Unglaube.
Vergleich Vollkommen harmlos. Dein Zug faehrt dir vor der Nase weg.

Fene!

Woertlich Plage / Seuche (alte Bezeichnung fuer Krankheit)
Gebrauch Milder Fluch, wie "verdammt". Fene egye meg! = "Moege die Seuche es fressen!"
Kultur Einer der aeltesten ungarischen Fluechte. Vollkommen grossmutter-tauglich.

Francba!

Woertlich Abgeleitet von "franc", urspruenglich eine Bezeichnung fuer Syphilis
Gebrauch "Verdammt!", "Zur Hoelle damit!" — Menj a francba! = "Geh zur Hoelle!"
Kultur Wie viele europaeische Fluechte begann dies als Krankheitsbezeichnung. Heute vollkommen normalisiert als milder Ausdruck von Aerger.

Az istenit!

Woertlich "Sein Gott!" (besitzanzeigend)
Gebrauch Leichter Fluch — Az istenit, megint elkestem! = "Verdammt, ich bin wieder zu spaet!"
Kultur Einer von vielen Fluechen, die Gott anrufen, eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurueckreicht.

Mittel — mit etwas Bedacht verwenden

Rohadt!

Woertlich Verfault / verrottet
Gebrauch Verstaerkendes Adverb oder Schimpfwort. Rohadt hideg van. = "Es ist verdammt kalt."
Vergleich Aehnlich wie das deutsche "verdammt" oder "saukalt". Klingt grob, ist aber im Alltag ganz normal.

Barom!

Woertlich Vieh / Lasttier
Gebrauch "Dummkopf", "Idiot". Ne legy mar barom! = "Sei doch kein Idiot!"
Kultur Mild genug fuer Freunde, zu grob fuer den Chef.

Hulye!

Woertlich Idiot / Dummkopf
Gebrauch Die am haeufigsten verwendete allgemeine Beleidigung. Hulye vagy? = "Bist du verrueckt?"
Kultur Klingt hart, ist aber sehr gewoehnlich. Ungarn sagen das auch liebevoll zu Freunden.

Marha!

Woertlich Rind / Kuh
Gebrauch "Dummkopf", aber auch als Verstaerker: Marha jo! = "Verdammt gut!"
Kultur Typisch ungarisch: dasselbe Wort ist Beleidigung und Ausdruck der Bewunderung zugleich. Kontext entscheidet alles.

Dog!

Woertlich Kadaver / Aas
Gebrauch "Mistvieh", "Schweinehund" — aber auch: Dog hideg! = "Eiskalt!" (als Verstaerker)
Kultur Wie marha hat dieses Wort ein Doppelleben: Beleidigung und extremer Verstaerker.

Grob — vorher kurz nachdenken

Kurva!

Woertlich Hure
Gebrauch Beleidigung oder Verstaerker: Kurva hideg! = "Eiskalt!" — wird von jedem benutzt.
Kultur Als Verstaerker hat dieses Wort seine Schaerfe groesstenteils verloren. Klingt fuer Auslaender viel groeber, als Ungarn es meinen.

Szemet!

Woertlich Abfall / Muell
Gebrauch "Schuft", "Lump". Te szemet! = "Du Schuft!"
Kultur Man nennt jemanden woertlich Muell. Wirkungsvoll und bildhaft.

Pofatlan!

Woertlich Gesichtslos / schamlos
Gebrauch "Frech!", "Unverschaemt!" — Micsoda pofatlan alak! = "Was fuer eine schamlose Figur!"
Kultur Pofa bedeutet "Schnauze" oder "Visage". Pofatlan bezeichnet jemanden ohne Scham, der sich ueberall einmischt.

Taknyos!

Woertlich Verschnotzt / voller Rotz
Gebrauch "Rotzbengel", "Gruenschnabel". Taknyos kolyek! = "Verschnotzter Rotzbengel!"
Kultur Lustig und bildhaft zugleich, fuer jemanden, der sich groesser darstellt als er ist. Eher komisch als wirklich beleidigend.

Buzi!

Woertlich Abgeleitet von buzerans, aus dem Deutschen
Gebrauch Ein Schimpfwort fuer einen schwulen Mann, wird aber innerhalb der LGBTQ+-Gemeinschaft auch als selbstbezeichnender Begriff verwendet, vergleichbar mit "queer" im Englischen.
Kultur Das neutrale Wort ist meleg (woertlich "warm"): meleg vagyok = "Ich bin schwul". Homoszexualis ist der formelle Begriff. Benutze buzi nur, wenn du den Kontext wirklich verstehst.

Heftig — nur wenn du es wirklich meinst

Bassza meg!

Woertlich "Lass ihn es ficken" (dritte Person)
Gebrauch "Verdammt!", "Scheisse!" — Bassza meg, elfelejtettem! = "Verdammt, ich habe es vergessen!"
Kultur Im Alltag fast so gewoehnlich wie "verdammt" im Deutschen. Trotzdem nicht am ersten Arbeitstag verwenden.

Baszd meg!

Woertlich "Fick es" (Befehl, zweite Person)
Gebrauch Direkte, aggressive Variante. "Fick dich!", "Verschwinde!"
Kultur Der Unterschied zu #15 ist rein grammatisch, eine Verbkonjugation. Genau deshalb ist Grammatik wichtig.

Kibaszott!

Woertlich "Rausgefickt" — Partizip mit ki- (heraus)
Gebrauch Verstaerkendes Adjektiv. Kibaszott nagy haz. = "Ein verdammt grosses Haus."
Kultur Funktioniert genau wie "verdammt" oder "scheiss-" im Deutschen als Verstaerker. Grob, aber in der Umgangssprache ganz normal.

Rohadt kurafi!

Woertlich Verfaultes Hurenkind
Gebrauch Schwere kombinierte Beleidigung.
Kultur Ein Beispiel dafuer, wie Ungarn Woerter zu neuen Schimpfwoertern kombinieren. Die Kombinationen sind endlos.

Anyadat!

Woertlich "Deine Mutter" (Akkusativ, der Rest wird bewusst weggelassen)
Gebrauch Schwere Beleidigung, die sich gegen die Mutter des Gegenuebers richtet.
Kultur In vielen Kulturen ist die Mutter heilig. Sie anzugreifen ist die schwerste soziale Grenzueberschreitung. Niemals ernst gemeint verwenden.

A kurva anyad!

Woertlich "Deine Hurenmutter"
Gebrauch Die staerkste Standardkombination im Ungarischen.
Kultur Der Endboss der alltaeglichen ungarischen Fluchsprache. Hoert man in Filmen, auf der Strasse, auf dem Fussballplatz. Niemals gegenueber einem Fremden verwenden.

Ein Wort, dutzende Formen

Hier wird es wirklich interessant. Im Deutschen hat man "ficken", und das war es im Grunde schon. Im Ungarischen nimmt man denselben Wortstamm bassz- und baut ein komplettes System darum herum. Jede Konjugation, jedes Suffix gibt eine andere Bedeutung, eine andere Richtung, eine andere Intensitaet.

Sieh dir an, was allein mit diesem einen Grundwort passiert:

Grundwort: bassz- (Stamm)

Ungarisch Uebersetzung Was grammatisch passiert
Bassza meg! "Verdammt!" (Ausruf) 3. Person Singular + meg (Abgeschlossenheit)
Baszd meg! "Fick dich!" (Befehl) 2. Person Singular, Imperativ
Kibaszott "Verdammt / scheiss-" (Adjektiv) Ki- (heraus) + Partizip Perfekt
Kibaszodik "Es geht kaputt" Reflexive Verbform, etwas geschieht damit
Megbaszott "Er hat es verbockt" (Vergangenheit) Meg- + Vergangenheit
Basszameg "Verdammt!" (als eigenstaendiges Wort) Zusammengezogener Ausruf, fast ein eigenes Wort geworden
Baszakodj! "Verschwinde!" / "Hau ab!" Frequentativ, wiederholte oder andauernde Handlung, als Befehl
Baszakodas "Aerger", "Theater", "Schlamassel" Substantiv, der Vorgang oder das Theater selbst

Ein Stamm. Acht Formen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, mit Faellen, Possessivsuffixen und Kombinationen mit Praeverben sind dutzende Varianten moeglich.

Zum Vergleich: Das milde Wort fene (Plage) macht genau dasselbe:

Grundwort: fene (mild), ebenfalls ein ganzes System

Ungarisch Uebersetzung Gebrauch
Fene! "Verdammt!" Einfacher Ausruf
Fene egye meg! "Moege die Plage es fressen!" Konjunktiv, ein Wunsch oder Fluch
Fenebe! "Zum Teufel damit!" -be = Bewegung nach innen (Illativ)
A fenebe is! "Verdammt nochmal!" Is = "auch / noch", ein verstaerkendes Partikel
Fenere! "Lass es gut sein!" / "Ach, egal!" -re = Bewegung auf eine Oberflaeche (Sublativ)
Fene tudja "Das weiss der Teufel" = "Keine Ahnung!" Feste Wendung, vollkommen grossmutter-tauglich

Genau das macht Ungarisch so faszinierend: Die Faelle und Suffixe, die Sprachlernende manchmal zur Verzweiflung treiben, sind gleichzeitig der Motor hinter dieser endlosen Ausdruckskraft. Jede Endung fuegt eine neue Dimension hinzu, Richtung, Abgeschlossenheit, Besitz, Wiederholung. Auch beim Fluchen.

Was macht die ungarische Fluchsprache so besonders?

Geht man diese Liste durch, fallen ein paar Dinge auf:

Vier auffaellige Muster

  • Dieselben Woerter sind sowohl Beleidigung als auch Verstaerker, marha, kurva und dog bedeuten etwas Grobes, werden aber auch verwendet, um "sehr" auszudruecken. Der Kontext entscheidet alles.
  • Grammatik spielt eine entscheidende Rolle, der Unterschied zwischen bassza meg (dritte Person) und baszd meg (zweite Person, Befehl) ist rein eine Verbkonjugation.
  • Kombinationen sind endlos, durch Suffixe und Zusammensetzungen lassen sich neue Schimpfwoerter bilden. Ungarn tun dies spontan und kreativ.
  • Die Schwelle liegt anders, was fuer einen Auslaender extrem klingt, ist fuer einen Ungarn manchmal ganz normale Umgangssprache. Missverstaendnisse sind vorprogrammiert.

Die goldene Regel

Schimpfwoerter zu lernen ist eine Sache, zu verstehen, wann man sie verwendet oder eben nicht, eine andere. Ein Ungar, der einen Auslaender fluchen hoert, reagiert wahrscheinlich mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung. Aber benutzt man sie falsch, kann es schnell unangenehm werden.

Der beste Ansatz: Lerne sie zu erkennen und zu verstehen, aber warte, bis du die Sprache gut genug kennst, um den Kontext wirklich zu fuehlen.